Der Tanz der Häsin – Mythologie, Ostereier und Expressionismus

Ein interessanter kleiner Roman von Dieter R. Fuchs, der sich mit dem Einfluss fernöstlicher Kunst auf die europäische Kunst am Vorabend des Ersten Weltkriegs beschäftigt!

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Wenn man sowieso wie ich hier wohnt
Sieht man nur einen Totenkopf im Mond

Doch wenn man sich’s mal anderswo ansieht
Sieht man, dass im Mond ein Hase liegt
Er lacht dich an und sagt zu dir
Was du hier siehst, ist nur ein Bild von einem Bild in einem Bild
GUZ, Koresh Teed

Bei diesem schönen Buch handelt es sich um ein Werk von Dieter R. Fuchs; es ist im kleinen, aber feinen Fabulus-Verlag erschienen, dem wir hiermit dafür danken möchten, dass er uns das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die kleine auf dem Titel abgebildete Figur (die sich im übrigen im Besitz des Autors befindet), ein Mischwesen aus Frau und Hase darstellend. Es handelt sich hierbei um ein Netsuke, einen japanischen Gürtelknebel. Im Roman fungiert diese kleine Häsin als Bindeglied zwischen drei Geschichten, die abwechselnd in unterschiedlichen Zeitebenen und an unterschiedlichen Orten erzählt werden; München, London und Sankt Petersburg sind nur einige Stationen der kleinen Figur. Dabei mischt der Autor tatsächliche und erfundene Begebenheiten, Lebensgeschichten realer und Liebesgeschichten ausgedachter Personen; es macht nicht zum geringen Teil den Reiz des Buches aus, dass man nicht immer genau weiß, ob man sich im Bereich der Realität oder der Fiktion befindet.

Die Rahmenhandlung des Buches spielt im Jahre 2014. Die Kunsthistorikerin Sandra Haas plant, den Einfluss japanischer Importkunst auf das Werk Franz Marcs und Carl Fabergés zum Thema ihrer Dissertation zu machen und beginnt mit diesbezüglichen Nachforschungen. Im Zuge ihrer Recherchen stellt sie unter anderem fest, dass ihr Ururgroßvater Zeuge einer Begegnung zwischen Walter Gropius und einem Vertreter der vor allem durch ihre Prunk-Ostereier bekanntgewordenen Firma Fabergé war, bei der auch besagte Häsin eine bedeutende Rolle spielte. Sandra macht in dieser Zeit auch die eine oder andere Männerbekanntschaft – vielleicht findet sie ja auch ihr privates Glück…?

Ein zweiter Handlungsstrang beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte dieses Handelsvertreters, Boris Rablimow aus St. Petersburg, und seiner Geliebten und späteren Frau Alexandra sowie beider Tochter Zalina. In diesem Zusammenhang erfährt man auch etwas über die Vorliebe des Firmengründers Carl Fabergé für japanische Miniaturschnitzereien.

Der dritte Handlungsstrang ist ebenfalls in der Zeit um den Ersten Weltkrieg angesiedelt; hier geht es um die für die Entwicklung der modernen Kunst sehr bedeutsame Künstlergruppe „Blauer Reiter“ und besonders Franz Marc. Marc entdeckt in einer Münchener Antiquitätenhandlung die Figur der Häsin und ist davon so fasziniert, dass er sogleich Zeichnungen in seinem Skizzenbuch anfertigt; später findet sie – angeblich? – auch Eingang in eines seiner bekanntesten Bilder.

Nicht nur nebenbei erfährt der Leser einiges über die Bedeutung des Hasen in der Mythologie vieler Völker; verbreitet ist der Glaube an eine Mondgöttin, die von einem Hasen begleitet wird, und die Muster auf der Mondoberfläche werden oftmals nicht als der sprichwörtliche „Mann im Mond“, sondern als Hase im Mond identifiziert.

Alles in allem ein lesenswertes Buch, das durchaus zur Horizonterweiterung beiträgt, und das ist ja immer gut! Hervorzuheben ist auch die gediegene buchbinderische Verarbeitung des Romans, er besitzt einen sehr schönen Halbleineneinband mit farbigem Schnitt.

Das Buch kann beim Verlag oder ihr-wisst-schon-wo erworben werden.

Es grüßt euch vom Schreibtisch

Frank

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5 Gedanken zu “Der Tanz der Häsin – Mythologie, Ostereier und Expressionismus

  1. Liebe Heike, lieber Frank – herzlichen Dank für diese schöne, den Kern meines Romans treffende Rezension! Sowas freut mich als Autor der „Häsin“ – vor allem auch, dass der Reiz der Mischung aus Fiktion, realem Biografischem und Historischen Fakten gefallen hat. Beste Grüße aus München, Dieter R. Fuchs

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