Ein brauchbarer Stadtplan von Leipzig…?

Und nun endlich die erste Landkartenrezension! Ob der ADAC StadtPlan Leipzig halten kann, was das professionell anmutende Äußere verspricht? Wir sind gespannt!

ADAC StadtPlan Leipzig

Beim hier abgebildeten und rezensierten Plan handelt es sich um die im Mai 2015 erschienene 13. Auflage. Die erste Auflage dieses Titels erschien ca. 1995, mittlerweile werden alle 2 bis 3 Jahre Neuauflagen herausgegeben.

Die Marke „ADAC Kartografie“ gehört zur Verlagsgruppe MairDumont mit Sitz in Ostfildern (bei Stuttgart). MairDumont hat sich in den letzten Jahren zum größten deutschen Kartografie- und Reiseverlag entwickelt; neben der ADAC Kartografie gehören Baedeker, Falk, Marco Polo, Dumont, Kompass und etliche andere Marken dazu. Dabei setzt der Verlag auch auf Synergie-Effekte; für alle Leipzig-Stadtpläne wird beispielweise die gleiche Kartengrundlage verwendet, so dass sich ADAC-Stadtplan, Falk-Pläne und die Pläne im Baedeker und im Marco Polo hauptsächlich durch die Farbgebung unterscheiden, inhaltlich aber weitgehend identisch sind. Problematisch wird dies dann, wenn die quasi-monopolistisch agierende Verlagsgruppe (der einzige andere Plan, der auch die Leipziger Außenbezirke umfasst, wird vom Verlag Dr. Barthel herausgegeben) es sich leisten zu können glaubt, an der Qualität der Kartografie zu sparen, was hier offensichtlich der Fall ist.

Zunächst macht der StadtPlan (jawohl: mit Binnenmajuskel!) allerdings einen sehr professionellen Eindruck, er weist eine sehr gute Papier-, Druck- und Bindequalität auf. Abgebildet ist nahezu das gesamte Stadtgebiet Leipzigs, dazu Schkeuditz, Taucha, Markranstädt, Markkleeberg etc. Die Leporello-Faltung macht den Plan für seine Größe (97 x 120 cm) recht handlich. Erkauft wird dies freilich durch den recht kleinen Maßstab von 1:22.500 (nur für das Stadtzentrum ist im beigehefteten Informations- und Registerheft ein Cityplan im Maßstab 1:10.000 beigegeben), der die Entzifferung von Details sehr erschwert. Für den Touristen ist der Plan daher nicht unbedingt zu empfehlen, zumal große Teile der „touristischen Infrastruktur“ entweder entweder überhaupt nicht (Hotels, Gaststätten, Filmtheater, Tankstellen) oder ohne Signaturen (die die Auffindbarkeit deutlich erleichtern würden: Museen, Theater) dargestellt sind. Eine Alternative ist hier der Pharus-Plan – Mittlere Ausgabe im Maßstab 1:15.000, der immerhin bis zum Auensee im Nordwesten und bis zum Völkerschlachtdenkmal im Süden reicht, für eine auch mehrtägige Stadtbesichtigung also in der Regel ausreichend sein sollte.

Obwohl nach Angabe des Verlags „jede Auflage (…) stets nach neuesten Unterlagen überarbeitet“ wird, ist die mangelnde Aktualität des ADAC StadtPlans ein gravierendes Problem. So sucht man den im April 2014 eröffneten Stadthafen, die kürzlich geweihte Propsteikirche St. Trinitatis oder auch die auch schon seit einigen Jahren bestehende neue Postfiliale am Brühl vergeblich.

Auch das Hauptstraßennetz weist grobe Fehler auf: Die Bundesstraße 6 verläuft beispielsweise noch über die Georg-Schumann-Straße (anstatt über die Max-Liebermann-Straße); eine Durchgangsstraße führt noch über die Landsberger Brücke in Wiederitzsch, die tatsächlich seit 2008 für den Kfz-Verkehr gesperrt ist.

Allein bei der Darstellung des S-Bahn- und Eisenbahnnetzes wurden etwa 60 Fehler gezählt, die noch verzeichneten, aber längst abgebauten Güteranschlussgleise in Eutritzsch, Plagwitz etc. nicht mitgerechnet.

Gleichfalls fehlerhaft ist das Straßenbahnnetz; so wurde die Führung der Linie 14 (die seit 2011 ihre Endstelle nicht mehr am Hbf/Westseite hat, sondern in einer Schleifenfahrt den Ring umfährt) nicht korrigiert. Ebenso fehlt nicht nur die „neue“ Haltestelle (seit 2013) Härtelstraße, sondern z.B. auch die Haltestellen Gottschedstraße (Li. 1, 2 und 14), Beyerleinstraße (Li. 4) oder Hornbach Baumarkt (Li. 16).

Noch größere Fehler und Unstimmigkeiten sind bei der Analyse des Busnetzes festzustellen. Linie 91 fehlt z. B. ganz, auch sind die Endstellen nicht einheitlich gekennzeichnet (die Liniennummern mal in Rechtecken, mal in Kreisen oder Ovalen). Zudem sind häufig Busstrecken eingezeichnet, auf denen überhaupt keine Linien verkehren (oder je verkehrt sind), z. B. im Zuge der Waldstraße – Platnerstraße – Schillerweg – Lützowstraße.

Die überaus schlampige Redaktion, was das öffentliche Verkehrsnetz betrifft, lässt den Rezensenten einigermaßen ratlos zurück. Ist es für den deutschen Quasi-Monopolisten im Bereich Kartographie wirklich zuviel verlangt, den Kontakt mit den Verkehrsbetrieben oder dem Verkehrsverbund herzustellen, um einigermaßen korrekte und aktuelle Angaben zu bekommen? (Oder einfach mal auf openstreetmap nachzuschauen?)

Andere Eintragungen sind freilich ebensowenig verlässlich, wie Stichproben zeigen:

  • Von den sechs eingetragenen Konsulaten existieren vier schon seit vielen Jahren nicht mehr (Frankreich, Italien, Polen, Türkei), ein weiteres (Russland) ist falsch   eingezeichnet.
  • Von den beiden eingezeichneten Jugendherbergen ist eine schon seit Jahren geschlossen, die andere ist falsch eingezeichnet (nämlich am Kohlweg und nicht an der Volksgartenstraße).
  • Denkmäler (mit eigener Signatur) verzeichnet der Plan im Bereich des Stadtzentrum lediglich ganze vier, nämlich das Richard-Wagner-Denkmal, das Eisenbahndenkmal (wenn auch nicht ganz an der korrekten Stelle), ein Denkmal südlich der Nikolaikirche (es soll sich wohl um die Nikolaisäule handeln, die aber nördlich der Kirche steht) und ein nicht existierendes Denkmal auf dem Johannisplatz. Dagegen fehlen (um nur die bedeutendsten zu nennen) die Denkmäler für Bach, Mendelssohn und Goethe oder auch das Brückensprengungsdenkmal. (Im übrigen sind alle Denkmäler ohne Bezeichnung, die Eintragungen daher ohnehin nicht sonderlich hilfreich.)
  • Laut Legende sind im Plan „Ausflugslokale“ mit eigener Signatur eingezeichnet, auffindbar sind dieselben jedoch nicht.

Auch grobe Fehler bei der Topographie sind zu beanstanden. Allein im Innenstadtbereich fehlt die Petersstraße zwischen Schillerstraße und W.-Leuschner-Platz ganz, muss es „Preußergäßchen“ statt „Preußengäßchen“, „Sporergäßchen“ statt „Sporergasse“, „Reformierte Kirche“ statt „Reformkirche“ heißen, um nur einige der gröberen Fehler zu nennen. Der „Schillerpark“ ist nicht als Park, sondern als Freifläche dargestellt. Ganze Gebäudekomplexe wie der des Hotels Astoria fehlen einfach.

Überhaupt ist die topographische Darstellung im Stadtzentrum ausgesprochen überladen und unübersichtlich. Ein Grund ist die mangelnde Variierung der Schriftstile, da ausnahmslos aufrechte, serifenlose Schriften und weder Versalschrift noch Kapitälchen verwendet werden. Bei einigen Beschriftungen ist völlig unklar, worauf sie sich beziehen.

Und auch wer in’s Grüne fliehen will, hat (im wahrsten Sinne des Wortes!) schlechte Karten: Im Rosental sind einige Wege fälschlicherweise als Straßen dargestellt, obwohl es sich lediglich um Fuß- und Radfahrwege handelt. Auch ist die Grenze des Zoologischen Gartens nicht erkennbar. Die eingezeichnete Brücke über die Parthe an der Prellerstraße ist bereits seit vielen Jahren gesperrt; dagegen fehlen die beiden Brücken an der Turmgutstraße und am Schlößchenweg. Der Aussichtsturm befindet sich natürlich nicht, wie dargestellt, mitten in der Parthe, sondern südlich davon.

Genug! Es dürfte klar geworden sein, dass die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität beim vorliegenden ADAC StadtPlan eine ganz erhebliche ist. Wer einen brauchbaren Stadtplan von Leipzig benötigt, erwerbe daher lieber den oben erwähnten Pharus-Plan oder einen Stadtplan aus dem Verlag Dr. Barthel, die leider den verwöhnten Kartenliebhaber auch nicht in jeder Hinsicht befriedigen können. (Oder er greife gleich zum „Klassiker“…!)

Traurig über den fortschreitenden Verfall der Verlagskartografie grüßt euch vom Landkarten-Schreibtisch

Frank

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2 Gedanken zu “Ein brauchbarer Stadtplan von Leipzig…?

  1. Danke, Frank, für diese ausführliche Begutachtung! Echt interessant (und gleichzeitig entsetzlich!), was da für Fehler auftauchen.

    P.S. Schaust du dir jeden Stadtplan so intensiv an? Oder war es nur der eigene Ehrgeiz, weil du „deinen“ Leipzig-Stadtplan – und die damit verbundene Arbeit – im Hinterkopf hast?

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